


Fühl mich so exponiert wie selten und hab doch eigentlich gerade extremen Rückzugswunsch. Die Gleichzeitigkeit mal wieder …
Dieser Beitrag ist daher auch gleichzeitig Innenschau wie Außendarstellung (wozu denn sonst so ein Blog). Da ich das knackig-effektvolle Erzählen im Stil eines Linkedin-Posts nicht gut kann, wird es mal wieder eher essayistisch im Sinne eines Herummäanderns der Gedanken – Disclosure … naja, eher hinlänglich bekanntes Phänomen auf diesen Seiten.
All out – viel im Außen
Freu mich total, dass ich eben bei einer Buchpremiere im Roten Rathaus lesen durfte, werde als Speakerin auf der re:publica Website geführt (nur für ein kleines Meetup), bin eben für ein neues Frauenmagazin für Frauen über 50 interviewt worden (nein, finde solche Magazine eigentlich nicht notwendig), hab die Frühjahrstour unserer kleinen Band hinter mir und erfreue mich auch ansonsten über Aufmerksamkeit von außen via Anfragen für verschiedene Aufgaben von Moderation bis Marketingmaterial.
Bei dem Interview wurde ich von der zugewandten Journalistin gefragt, was sie denn als Beruf oder Tätigkeit schreiben solle, was mich immer in das gleiche Dilemma bringt – was/wieviel soll ich nennen?
Ich empfinde es als großes Geschenk, dass mein Lebensmodell des verwirrend Vielen mich so glücklich macht, würde verzweifeln, immer das Gleiche zu machen oder die selben Rollen auszufüllen. So kann ich als Sängerin wochenlang auf Tour sein (außen), gleichzeitig als Gestalterin und Kommunikationsstrategin Marketingdinge konzipieren und produzieren (allein am Rechner), Workshops und Prozesse moderieren (im unterschiedlich sichtbaren Non-Profit- und Bildungsbereich), mich mit Nachhaltigkeitskonzepten beschäftigen (im hoffentlich bald sichtbar werden PLAYBOOK und Buchcrowdfunding von Christine Kolbe, siehe #rp26) und ehrenamtlich einen Erwachsenenbildungsverein führen (eher unsichtbar). Und: zwischendurch für die Europäische Idee auf einer Bühne vorlesen, hehe.
Aber – Übergang zum Innen – das Unterschiedliche macht natürlich auch mehr Aufwand, energetisch und organisatorisch. Von der nötigen Kommunikation auf vielen Kanälen ganz zu schweigen.
All in – Rückzug und Ruhe
Warum also die Überschrift? Weil ich bei all dem schönen im-Außen-und-sichtbar-sein gerade ein sehr starkes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe habe. Auch wegen des Vielen in der Welt, auch weil ich seit 10 Wochen nicht richtig gesund bin (ich überspring hier die innerlich folgenden 4 Absätze zu Selbstzweifeln, Glaubenssätzen, was soll/kann ich denn noch tun, das steht im letzten Beitrag zur Genüge), aber hauptsächlich, weil ich es immer öfter brauche, allein zu sein – auch ohne Krankheit. Was meines Erachtens weder Alters- noch Typsache ist, eher diese generelle An- und Überforderung von Gleichzeitigkeiten unseres Alltags, die an Niemandem spurlos vorübergeht. Und die ich regelmäßig mit mir verarbeiten und verdauen muss. Als routinierte und freudige Person des Außen für mich eher neu.
Zur allgemeinen Überforderung und dem Umgang damit gibt es viel zu lesen, in Ratgebern, Kolumnen, auf SocialMedia, die einen fühlen sich erschöpft und vom System (Gesellschaft, Arbeitgeber, Gesundheitssystem) allein gelassen, die anderen erzählen freudig von ihrer optimalen Balance, beschreiben offen ihr Innenleben oder ein Wunderprodukt/Kurs wirbt für altersunabhängiges Wohlbefinden. Je nach Produkt und Thema wird von Performance oder dem Gegenteil gesprochen.
Betrachte ich die Vorwürfe der Erschöpften, find ich mich mit in dem Dilemma, das Gesundheitssystem als unzureichend zu empfinden bei den seit Wochen auflaufenden hohen Kosten für Mittelchen und Supplements, die keine Kasse übernimmt – ist ja nur ne Erkältung. Dass ich mich mit teuren Vitamininfusionen pimpe, um Konzerte singen zu können oder als Selbstständige Termine absagen muss, bleibt in meiner Verantwortung. Ich leiste diesen Beitrag dennoch gern, nehm es als Investition in mich/meinen Körper. Als Kinderlose in einer funktionierenden Partnerschaft und eingebunden in Freundes- und Familienkreis kann ich mich meiner eigenen Care-Arbeit auch widmen. Denn – ich nenn es mal möglichst neutral – eine „Selbstbetreuung“ braucht nicht nur den Willen dazu, Mittel und Zeit, sie braucht ein soziales Netz, einen wohlmeinenden Resonanz- und Reflexionsraum. Denn viel der Erschöpfung und Verzweiflung hat mit Einsamkeit und dysfunktionalen sozialen Systemen zu tun.
Doch mit Blick auf das alte Bär-Schild des letzten Beitrags: Ist es wirklich so viel mehr geworden? Oder erfahren wir nur so viel mehr davon? Ist „nur“ die Potenz des Medialen mit der Reaktion auf die Potenz in eine weitere Potenz explodiert, die aber im Grunde wieder „nur“ die erste ist? Aber egal, wenn wir uns den Potenzen nicht entziehen können, wirkt es überwältigend. Und sobald es kippt, kippen wir um.
Und es hilft nix, die Forderung zu diesem „Über“ bleibt an mich gerichtet: ich muss mich selbst dabei organisieren, das Zuviel zu managen. Wessen Aktion auch immer, meine Reaktion darauf ist meine Verantwortung. Mein Handeln, meine Entscheidungen und deren Konsequenzen muss ich tragen, das kann mir niemand abnehmen. Aber das ist auch das Gute daran, dann hab ich den Gestaltungsrahmen, die Autonomie und meine Wirksamkeit.
Außen und Innen ist ein Akt der Balance, den wir selbst gehen müssen. Idealerweise mit einer Unterstützung, die uns dient. Aber für das „zu mir kommen“ bin ich zuständig – wer denn auch sonst. Ob durch Meditation, Yoga, das Sitzen auf einer Parkbank ohne Handy, Spazieren in der Natur, aus dem Fenster schaun oder 3 Wochen Urlaub, die Auszeiten aus dem Fordernden muss ich mir organisieren.
Ich schreib mir das zur Erinnnerung, dass noch mehr Alltagsrituale dafür hilfreich sind und nicht Resignation und Opferhaltung. Ausgeglichenheit erlang ich durch ehrliche Innensicht, liebevolles Handeln mir und andern gegenüber und eine entspannte Großzügigkeit im Außen.
Und mit Blick auf die Welt: Es würde uns so viel an Überforderung und Krisen ersparen, wenn es die „Jungs da oben“ auch mit der Adler’schen Sicht halten würden, siehe Bild.
Und damit over and out bzw. in, ich zieh mich zur weiteren Genesung zurück. Und übe mich in Geduld und Vertrauen.

P.S. Man verzeihe mir die Ähnlichkeit meiner letzten Blogeinträge, könnte dringend mal andere „Zwischenzeiten“ beschreiben. Any ideas und Themenvorschläge honestly welcome!

