
Dieses Blechschild hat mir heute mehr Trost gespendet als die wirklich vielen und liebevollen Zusprüche von Freund:innen, Apothekerinnen, Ärztinnen und Heiklpraktikerinnen (letztere waren tatsächlich alles Frauen) seit Anfang März. Seitdem hab ich nämlich Erkältung.
Gemein, dass ein Bär auf einer Teewerbung diesen Effekt hat, während sich fürsorgliche Mitmenschen wirklich wochenlang ins Zeug legen. Und es ist ja nicht so, dass nicht zwischendurch auch was geholfen und getröstet hat.
Aber erstmal lebensfreudig zu etwas Bevorstehendem:
Das Mitmischen bei transformativer nachhaltiger Kulturarbeit. Endlich mal wieder ein Ausflug in mein Herzensthema ‚ökologische Verantwortung‘, es geht um das Integrieren von ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitsaspekten in die programmatische Kulturarbeit.
In meiner Ausbildung zur Nachhaltigkeitsmanagerin 2023 hatten wir „Azubis“ beim Institut für Zukunftskultur die Möglichkeit, anhand konkreter Einrichtungen, Museen, Festivals und kulturellen Veranstaltungen rundum aufzuzeigen, was ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltiger werden kann. Interessanterweise gab es einen umfangreichen Maßnahmenkatalog, der zu 99% nicht auf die Programmgestaltung Einfluss hatte. Wieso eigentlich nicht? Die Antworten reichten von „das Thema Klimaschutz zieht beim Publikum nicht“ über „da machen uns die Künstler:innen nicht mit“ bis „Kultur muss frei sein“.
Das ist nur drei Jahre her, aber seitdem hat sich noch mehr der Wind gedreht. Die Regierung hat gewechselt, Klimadiskussionen sind völlig aus der Mode gekommen, wir müssen das Geld schließlich in die Aufrüstung stecken, sonst erleben wir den Klimagau ja erst gar nicht mehr. Tja, denkste, denn dank multipler Krisen und Kriege kommt das Thema ja ohnehin wieder auf den Tisch, jetzt eben via Öl-Engpässe in der Straße von Hormus. Fatal und auch irgendwie logisch, dass Krisen helfen, früher oder später das „Richtige“ zu tun. Was mich wieder zu meiner Erkältung bringt …

Was mach ich falsch? Zu wenig (hehe, wohl kaum) oder die falschen Medikamente? Mehr Untersuchungen und Arztbesuch? Noch mehr Ruhe? Oder lieber ablenken? Lass ich mir genug helfen? Entspann ich genug oder entspann ich womöglich gar nicht richtig? Oder lieber was machen, was mich begeistert, auch wenn es Energie kostet? Warum ist mein Immunsystem so runter? Ich nehm doch die ganze Zeit Vitamine, ist da was anderes faul? Wie soll das je wieder werden? Ist das jetzt so in meinem Alter?
Genau: zum Durchdrehen. Auch die Affirmation des mir sehr symathischen Apothekers Émile Coué aus dem 19. Jahrhundert, die mir während der Wochen begegnete, konnte mich nicht vorwärts katapultieren. Jeden Morgen und jeden Abend brav 20mal den Satz runtergebetet – nix passiert.
Schlimm, wenn man bedenkt, dass ich nur ne zähe Erkältung habe und keinen unheilbaren Krebs, wie wäre ich erst dann drauf? (Auch das eine Möglichkeit, sich weiter zu geißeln.)
Aber wieder zurück zur Kultur: Keine Form der Kommunikation ist so vielseitig und kann dabei so subtil sein wie Kunst. Sie hat die Chance, uns Menschen auf anderen Kanälen zu erreichen. Theater, Ausstellungen, Bilder, Skulpturen – sie alle nutzen eine eigene Sprache, können vermitteln, was Worte nicht vermögen. Kultur hat die Möglichkeit, Diskurse auf eine unerwartete Weise aufzunehmen.
“Kunst reflektiert und schafft gesellschaftliche Realitäten. Oder stellt sie in Frage. Deshalb tragen wir eine Mitverantwortung für das, was gesellschaftlich als normal wahrgenommen wird. Das betrifft insbesondere die Frage, wie wir miteinander und mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen umgehen – sowohl in unserem direkten Umfeld als auch global.” Zitat: artistforfuture.org

Das PLAYBOOK, an dem Christine Kolbe schreibt (Grafik und Layout von Jenny Baese), soll Impulse geben, das Thema Nachhaltigkeit in die programmatische Kulturarbeit einzuweben, Ausstellungen und Bühnenstücke implizit und explizit thematisch zu widmen. Damit es nicht nur darum geht, material- und ressourcenbewusst zu arbeiten, Ökostrom zu beziehen und faire Arbeitsbedingungen zu bieten, sondern konkrete Auswirkungen von missachteten planetaren Grenzen ins Programm und in Kunstwerke zu bringen. Das muss nicht negativ und dystopisch werden, es können Utopien und gute Zukünfte sein, genau hier ist die Freiheit der Kunst ja hilfreich.
Das Buch soll Denkanstoß sein, Scribble und Skizzenheft, ein Workshop fürs Team oder persönlicher Reflektions- und Arbeitsort. Ich freu mich sehr, den Entstehungsprozess des PLAYBOOKS beratend zu begleiten und bei der rp26 im Mai Teil des Meetup-Teams zu sein.
"Unsere Vernunft, Sprache, Zahlen, rationales Denken sind im Neokortex angesiedelt. Um Transformation zu ermöglichen, braucht es jedoch mehr. Notwendig ist ein Wandel im Denken, Fühlen und Handeln der gesamten Menschheit. Ohne Musik, Poesie, Malerei und Skulptur, ohne Zugang zum Herzen wird dies nicht gelingen. Wir müssen Menschen im Stammhirn erreichen. Nur so werden wir sie bewegen. Nachhaltigkeit darf nicht nur gedacht werden, sie muss gefühlt werden und fühlbar gemacht werden. Dies können Kunst und Kultur." Zitat: Marta Cencilo Ramirez, in: Katalog anlässlich der Ausstellung Thomas Röthel - „360°“, Bonn 2023
Ach – und warum nochmal dieses Schild? Weil das Schild alt ist und es mich wiederkehrend beruhigt, dass es der Menschheit schon seit Langem zuviel ist, wir schon immer mehr Rückzug brauchen als wir uns gönnen (können), schon immer ein Innehalten (oder krank sein) benötigen, Dinge zu verdauen, um „zu uns zu kommen“. Zitat Thomas Hübl: „Das ist kein aktiver Prozess, sondern Stille, Langsamkeit und die Abwesenheit von Anforderungen. Was immer daraus entsteht. Es muss nicht immer das Große und Bedeutungsvolle sein.“
Eher das Kleine, wie – Geduld. Auch keine neue Erkenntnis (häufige Wiederholung führt zu neuen Gewohnheiten), aber in diesem Fall wohl die Hauptzutat für meine Heilung. Und eine Eigenschaft, mit der ich sauschlecht ausgestattet bin.

