
Die Zeit zwischen den Jahren, die nach einem meist vollen Dezember eine Wohltat der Ruhe ist und spätestens an Neujahr in angenehmes Nichtstun mündet, mag ich sehr. Am allerliebsten lass ich diesen Zustand den kompletten Januar andauern.
Dieses Jahr find ich es aber alles andere als ruhig. Nicht nur, weil ich mir etwas viel Familien- und Freunde-Besuche vorgenommen hatte, sondern weil die Welt extrem laut und beunruhigend ist. Allein innerhalb 48 Stunden katastrophale Meldungen aus Crans-Montana, Venezuela und dem Berliner Südwesten – wie soll man da ein FROHES NEUES wünschen. So schwer ist mir das noch nie gefallen. Ich hasse das Wort Omnikrise, finde es aber leider eine zutreffende Beschreibung.
Klar hab ich längst Übung im resilient bleiben, seit Trumps zweiter Amtszeit erstrecht, und natürlich bin ich meist gar nicht direkt betroffen. Klar bleib ich unerschütterlich und optimistisch, aber Manches ist schwerer auszuhalten und braucht Zeit, bis ich es ein- und absortieren kann in mein Denken und Fühlen. Ignorieren und Nachrichten abschalten funktioniert bei mir nicht gut, ich brauch das Angeschlossen-sein-an-die-Welt, und damit meine ich nicht Insta.
Da ist sie wieder, die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins, die es so schwer macht, leicht zu bleiben, während außenrum alles belastet und belastend ist. Aber es relativiert die aktuelle Situation, dass es mir vor 9 Jahren beim Jahreswechsel scheinbar genauso ging. Andere Katastrophen, aber die gleiche Mühe, sie zu verdauen. Ohnehin ist alles relativ, ich begeister mich in der Silvesternacht an den leuchtenden Zeichen und glitzernden Funken der Wunderkerzen (im Freien), gleichzeitig sind sie in der Schweiz der Grund für ein Feuer mit 40 Toten.
Zwischenzeiten
Viele erklären die momentane Zeit als ein „Dazwischen“. Das Alte ist noch nicht weg, das Neue noch nicht da. Folgt man astrologisch geprägten Betrachtungen – großzügig augezoomt – könnten wir uns wissend zurücklehnen, den ganzen Wahnsinn aushalten und als Phase durchwinken, um uns im Folgenden an der nächsten Seins-Stufe der Menschheit zu erfreuen. Die natürlich weiser, sowieso pazifistisch und gemeinwohlorientiert ist – fingers crossed. Grundsätzlich hab ich die „bessere Welt“ für möglich gehalten, nach dem vergangenen Jahr denk ich, der kommende Change is by Desaster und wird entsprechend unschön und langwierig.*
Lesenswert beschreibt Matthias Horx diesen Zustand der Omnikrise und Zwischen-Ära: „Aus der Zukunft gesehen wird sie jene Episode sein, in der sich das Alte mit viel Getöse verabschieden musste, damit etwas Neues erscheinen konnte. Es kommt zur Großen Allgemeinen Verunsicherung.“ Jep, fühl ich. Aber irgendwie fühle mich auch aufgeklärt. Resigniert nur in seiner Bedeutung, dass ich etwas neu unterzeichne.

Die persönliche Zwischenzeit
Was für die Natur gilt, gilt auch für Menschen, für deren Überwintern. Zwischenzeiten als einen bewussten Prozess. Zitat aus einem Newsletter der Enfants terribles.
Zwischenzeiten erkennt man ja oft erst in der Rückschau, zB wenn man sie dann als verschwendet und ungenutzt bewertet. Weil sich wochen/monatelang was undefiniert anfühlte, das Sein in den Wartemodus gestellt, mit steter Unruhe, im Übergang befindlich, weder hier noch dort richtig da, mit seichtem Atem und aus der Mitte geschubst. Wie geht Zwischenzeit im jetzt-erleben-Modus?
Im April 25 hatte ich mir notiert:
Finde alles eher Mist die letzten Wochen. Nichts Schönes in den Nachrichten, überfordert mit Care-Arbeit, viel Familiendynamik. Und die wiederkehrende Frage: Warum hab ich mein Leben so organisiert, dass ich Zeit habe, mich mir und anderen zu widmen und hab dann dennoch so wenig gutes Gefühl dabei? (Außerdem zickt der Körper, schleichend geht dies und das schlechter, und was tun mit all diesen Empfindungen, Symptomen.) Was hilft die topp Lifebalance, wenn sich die frei gewählte Zeit auch nur voll gefüllt anfühlt? Wenn trotz aller Selbstgestaltung und Wirksamkeit wenig Lebensfreude herrscht? Nur gut, dass kurz drauf die re:publica stattfand, mit inspirierenden Vorträgen – vornehmlich von Frauen – Trost spendend und aufmunternd. Den Frust umwidmen können in nächste Vorhaben, Möglichkeiten. Verbündete treffen, wieder erkennen, neu finden. Sich zugehörig und verstanden fühlen macht so viel Energie frei. Notiz an mich selbst: Da mein Lebensentwurf quasi aus Zwischenzeiten besteht, checks einfach früher, halt inne, mach dir die Phase bewusst, eigne dir die Zeit wieder an, schreibs auf, erzähls wem. Dann geh auf Empfang, mit Gelassenheit oder Neugierde. Aber mit Wertschätzung für das, was grade ist.

Immer diese Schwebezustände
Was wollte ich eigentlich sagen? Ich bin noch nicht soweit, noch nicht ganz da für 2026. Aber werde das aushalten, nicht umgestalten. Dimme mich runter, lasse die Tage unoptimiert optimal sein.**
Uns allen für 2026 viel Schwebe-Energie, fliegende Kühe, tanzende Gedanken und hübsch gefüllte Tontöpfe.

Nachtrag: Nach der Definition in Horx‘ Beitrag mit dem schönen Titel „Die Tür der Zukunft geht nach innen auf“ bin ich Stoizistin: „Die stoische Philosophie lehrt vor allem Gelassenheit und Akzeptanz. Glück erwächst daraus, sein Schicksal zu akzeptieren und sich aufrichtig ethisch zu verhalten. Stoizismus sieht das Leben als heitere Pflicht und verzichtet auf die Klage als Hauptausdruck der menschlichen Unfähigkeit, mit der Wirklichkeit umzugehen.“ Lieber wäre mir aber manchmal mehr „Epikureismus, die wahre Genussfähigkeit, eine Gegenkraft gegen einen süchtigen Spaß-Hedonismus, der in Champagner-Sauforgien oder verzweifelten Exzessen endet. Er ist die Kunst des Auswählens und Konzentrierens.“
*Werde das „goldene Zeitalter“ eher nicht miterleben, hab aber andererseits den Vorteil, dass ich auch die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise und die Vernichtung des Planeten nicht mehr mitmachen muss. Ich hab mein persönliches goldene Zeitalter erlebt, ich finde wirklich, meine Jahrgänge sind die „blessed generation“ und bin für so Vieles dankbar: es gab Telefonzellen und Brieffreundinnen in meinem Leben, Langeweile und Kassetten, Verabredungen, die ohne Handy funktionierten, ich hab gegen Atomkraft demonstriert (dem ich eine Wirkung unterstellen darf) und eine Jugend in den 80ern in einer Vorstadt erlebt. Die Moral hat noch über die Macht gesiegt, Hippies, Punks und Popper haben gemeinsam gekickert und Bier getrunken. Kleine Ode an die Gnade der Boomergeburt.
**Das passt hier auch: Zitat aus dem aktuellen „Weird“ Newsletter der Krautreporter: „Wir haben das intensiv durchgerechnet und glauben, dass jeder Mensch etwa 25 Prozent Energie einsparen könnte, indem er auf Selbstoptimierung und sinnlose Vergleiche mit anderen verzichtet.“ Dazu auch dieser Artikel der Krautreporter, Zitat: Gewissenhaftigkeit kippt in Perfektionismus um, wenn wir beginnen, unsere Leistung mit unserem Wert als Mensch gleichzusetzen. Man nennt das „Überbewertung“. Soziale Angst und Perfektionismus sind wie Geschwister. Beide wurzeln in derselben fehlerhaften Selbstwahrnehmung – einem Gefühl der Unzulänglichkeit, das uns von anderen trennt.

