Utopisch – ein Wort, das man eigentlich benutzt, wenn etwas unumsetzbar scheint. Wieso sollte es also erstrebenswert sein, sich mit Utopien zu beschäftigen? Was taten tausend Menschen vom 29.-31. August 2024 auf dem Campus der Leuphana Universität in Lüneburg?

Ich weiß gar nicht, warum ich vergangenen Herbst nicht über meine Erlebnisse bei der Utopie-Konferenz geschrieben hatte … Vielleicht weil das Nachsortieren so lange gedauert hatte, vielleicht, weil das Erlebte gleich in die Arbeit an einem neuen Workshopformat mündete, vielleicht auch, weil ich wochenlang erstaunt war, wie wenig im Nachgang dieser intensiven und inspirierenden Tage im Netz zu finden war. Alles zusammen kein Grund, nicht darüber zu schreiben. Dafür also jetzt, mit einem halben Jahr Verspätung, einen Tag nach der Wahl, am dritten Jahrestag des Beginns des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Ein guter Zeitpunkt, sich mit Utopien zu beschäftigen.
Ich erinnere nicht, über welchen meiner vielen Newsletter ich auf die Konferenz in Lüneburg gestoßen bin, ich weiß nur, ich war ob des hochrangigen Lineups (Philosophin Eva von Redecker, Zukunftsforscherin Florence Gaub, Soziologe Heinz Bude, Fernsehmoderator Michel Friedman, Journalistin Ulrike Herrmann, Journalist Tilo Jung, Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Demokratie-Aktivistin Marina Weisband, Politikwissenschaftlerin Liya Yu …) und der prominenten Gastgeberin über den günstigen Preis (125 € für 3 Tage) erstaunt, denn: die von mir sehr geschätzte Maja Göpel lud zur vierten Ausgabe in die Leuphana Universität, diesmal gemeinsam mit Jagoda Marinić. Zur ersten Konferenz 2018 war Richard David Precht der Gastgeber, 2021 und 2022 hatten Göpel und Precht gemeinsam durchgeführt, noch deutlich kleiner, hochschuliger, elitärer. Nun erschien mir das gar nicht elitär, sondern äußerst einladend, ich kaufte mir kurzentschlossen ein Ticket und stiftete meine Freundin & Kollegin Katrin Middel an, mitzukommen.

„Woraus ist die Zukunft gemacht, wenn nicht aus dem Rohstoff des Vertrauens? Was hält eine Utopie zusammen, wenn nicht ihre akzeptierte Verletzbarkeit? Gemeinsam mit unseren Gastgeberinnen Maja Göpel und Jagoda Marinić erkundet die Utopie-Konferenz in diesem Jahr das Vertrauen. Bürger*innen und Studierende aus der ganzen Republik und darüber hinaus sind vom 29. bis zum 31. August 2024 eingeladen, auf dem Campus der Leuphana zusammenzukommen, um das Vertrauen in die Zukunft zu denken.“
Zum Konferenzprogramm
Zur „Langen Nacht der Utopien“
Zu den Gästen
Was für eine herrliche Einladung, oder? Und dass es dann wirklich so wird, nämlich dass 1000 BürgerInnen und Studierende aus der ganzen Republik 3 Tage gemeinsam auf dem Campus verbringen, um schlauen Fachleuten auf Podien zuzuhören, um schlaue Mitmenschen beim Essenholen kennenzulernen, um selbst in Workshops aktiv zu werden, sich inspirieren zu lassen, zu lernen, zu staunen. Und das an diesem großartigen Ort, der wie geschaffen ist für Zusammenkünfte dieser Art. Kein Wunder, der Campus ist Produkt eines partizipativen Prozesses mit den Studierenden, nicht Daniel Libeskind allein gebührt das Lob für den Bau und seine Nutzung.
Warum wollen da nicht tausende Leute mehr hin und in den Genuss dieses Formats, dieser Kombination aus Philosophie-Festival und demokratiepolitischem Experiment, dem Mix aus Hochschule und BürgerInnenversammlung kommen? Hab die Antwort noch immer nicht. Aber ich freu mich, wenn ich beim nächsten Mal wieder mühelos ein Ticket ergattern kann (es gibt leider noch keine neue Ankündigung) und mach derweilen gern Werbung dafür.

Der Charme und die gute Stimmung der Veranstaltung entsteht nicht nur durch den Mix von jungen und alten Menschen im Publikum, von hochschulnahen und hochschulfernen, dem wunderbar offenen Blick auf das Thema, dem Mix der Inhalte und Gäste aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft, sondern auch der Formate. Es gibt Vorträge, Denkräume, Werkstätten, Panels, Wissentalks, Plenum und Ateliers.
Der Tag ist klar strukturiert, mit Essenszeiten und Pausen, es findet zwar manches parallel statt, dennoch muss man nicht mit Schnappatmung oder FOMO durchs Programm hetzen. Zur Langen Nacht der Utopien, ein extra Abend für die Stadt und Region, kommt dann noch Musik, Kunst, Theater, Marktstände und Lagerfeuer hinzu, sogar ein Kinofilm feierte exklusive Premiere im Auditorium.
Und natürlich hat das große Team von Studierenden, die das Event organisieren und betreuen, einen großen Anteil an der guten Atmosphäre. So wie auch die beiden Gastgeberinnen, die auch als Moderatorinnen viele Programmpunkte begleiteten. Es waren überhaupt auffällig viele kluge Frauen da, die mit ihrer Haltung und profundem Wissen – ganz ohne dick aufzutragen – für Erkenntnis und Bereicherung gesorgt haben. Was einige der anwesenden Männer auf der Bühne nicht so gut hinbekamen (und ich hätte diese Beobachtung gerne nicht gemacht).

Zurück zur Werbung:
- Meine Highlights:
- Der Vortrag von Politikwissenschaftlerin Liya Yu über die Frage, wie wir vertrauen in einer polarisierten Gesellschaft. Neues Wort gelernt: Dehumanisieren. Gar nicht nett, aber scheinbar menschlich. Hier ein Artikel mit ihr in der Zeit.
- Großartig klar und pragmatisch, Thomas Biebricher zu Demokratie und Kapitalismus, die er in Spannung sieht wie in einer guten Beziehung. Und dass wir Demokratie ohne Kapitalismus bisher noch gar nicht kennen.
- Kontrovers die Diskussion zwischen Ulrike Herrmann und Ole Nyomen, wie lange der Kapitalismus noch überlebt und was uns retten könnte. Spoiler: Die Klimakrise bringt uns eh in die Kriegswirtschaft.
- Maja Göpel und Jagoda Marinić befragen Adam Tooze, der aus New York zugeschaltet ist, wie wir die Krise in eine demokratische Gelegenheit verwandeln können. Seine Diagnose: Was wir momentan für vernünftig halten, könnte in Kürze schon utopisch sein.
- Florence Gaup im Gespräch mit Heinz Bude und den Gastgeberinnen, wie Vertrauen den Fortschritt verändert und wie kollektive Angstabwehr psychologisch geht. Dass wir zum Kassandra Phänomen neigen: Das ist so schlimm, das wird nicht passieren.
- Besonders gefeiert hab ich, dass Arne Semsrott kam, um seine Geschichte zu „Frag den Staat“ zu erzählen und um Werbung zu machen fürs kollektive politisch sein, à la „prepping for future“ Vorräte an Solidarität und Verbindung in der Nachbarschaft anzulegen.
- Nicht so zum Feiern war, dass Tilo Jung seinem Interviewgast Moritz Schularick, so gar keine utopische Äußerung oder Idee für weniger Ungleichheit zwischen Arm und Reich entlocken konnte. Vom Präsidenten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft hätten sich (wie den Reaktionen im Auditorium zu entnehmen war) die Anwesenden weniger hohle (Aus)reden erwartet.
- Aber eine umso größere Freude, die Philosphin Eva von Redecker reden zu hören! Lang hab ich nicht mehr so gebannt gelauscht, in welche Richtung sich ein Gedanke noch bewegen und mit welchen Verb dieser Satz wohl enden wird.
- Hier der Link zu allen Gästen
- Hier der Link zum Utopiestudio, Mitschnitten von vergangenen Konferenzen

Es waren knackevolle Tage, und Katrin und ich hatten danach fest vor, aus dem Gehörten und Erlebten was zu machen! Als Facilitatorinnen wollten wir ein wirksames Format fürs Utopienbasteln kreieren, um es als Workshopreihe inspirationshungrigen Unternehmensteams, zukunftsfreudigen Gruppen oder PessimistInnen anzubieten.
Auf einem Miroboard sortieren wir also wochenlang unsere Mitschriften, sammeln Links zu den Inspirationsquellen, Artikel der Konferenzgäste, lesen nach und forschen weiter, recherieren Mitanbieter, finden die utopische Toolbox (shout out an Lino Zeddies), wollen dann kurzfristig alles abblasen, weil in dem Angebot von Realutopien eigentlich alles drin ist, was man braucht, machen dann aber doch weiter, reichern unseren Prozess mit Methoden der Transformations- und Kommunikationstheorie an, integrieren bewährte Formate und haben schließlich ein ordentliches Ergebnis: Arbeitstitel UTOPIE, JETZT ODER NIE, die Workshopreihe besteht aus 6 Teilen und wäre ab sofort buchbar.
Tja, das ist Monate her, ganz offensichtlich haben wir uns nicht um das Weiterverbreiten dieser Neuigkeit gekümmert. Erst war für ein anschauliches Exposée keine Zeit, dann erwischte uns eine gewisse Überdrüssigkeit des Themas, eine dystopische Senke, wir konnten das Wort Utopie nicht mehr hören, die Luft war raus, die politischen Verwerfungen taten ihr Übriges. Wir gingen realpolitisch auf die Straße demonstrieren, realutopisch nahm die Begeisterung nicht wieder an Fahrt auf.
Doch das kann sich nun ändern. Ein Anfang ist mit diesem Beitrag gemacht, eine erste politische Trauerphase über entglittene Utopien bereits absolviert, auch immer wieder dank Maja Göpel, die mit ihren klaren Worten und ihrer Unbeirrbarkeit in der Mission so wohltuend wie vorbildlich ist. Ich freu mich schon mal auf die nächste Konferenz und widme mich derweilen der Utopie-Pflege: Möglichkeitsraum dehnen, Mutmuskel trainieren, zuversichtlich und groß denken, sehnsüchtig bleiben, Wagnisse eingehen und grundlos hoffen. Und unser Workshopformat bewerben.
