
Der erste Teil der Überschrift könnte in die Irre führen – es geht nicht ums Sterben, sondern um einen befriedigenden, geradezu friedlichen Zustand, das gute Gefühl, was fertig gemacht zu haben. (Hm, vielleicht doch irgendwie was mit Sterben … na ein weites Feld.)
Im Frühling war ich nach langer Zeit mal wieder in einem Buchantiquariat. In keinem Ladengeschäft, sondern in einer großen Wohnung in Frankfurt, im Hochparterre mit sehr hohen Decken und sehr sehr vielen Büchern. Ich hab mich sehr sehr wohl gefühlt. Mehreres war parallel: die schöne Erinnerung an einen früheren Job, an Lesen in Urlauben, die Neugier auf den Inhalt eines neu aufgeschlagenen Buches und das wohlige oder traurige Gefühl, es fertig gelesen zu haben – und Melancholie, weil solche Orte am Aussterben sind. Obwohl sie so viel Magisches haben und es wahrlich genug alte Bücher gäbe, werden sie an niemanden vererbt. Es ist in der Tat endlich.
Dieses Ende meine ich aber nicht, sondern das Endliche und der Zauber einer Drucksache, der abstrakte aber irgendwie fühlbare Wert von Erstausgaben und das Drama eines vergriffenen Werkes, der klar definierte Rahmen einer 24-seitigen Zeitung, die letzte Seite eines gedruckten Magazins, der durchgeblätterte Bildband.
Sicher ist mein Empfinden eher schwärmerisch und sentimental, dieses Hoch auf das Analoge, ein Credo für Dinge, die man anfassen kann, das vermeintlich friedlichere „Früher“: ein Buch lesen und es sacken lassen, einen Film ansehen und ins Bett gehen. Fernsehserien gab es einmal pro Woche und nach dem Samstagsfrühstück war die Zeitung zu Ende gelesen, eine neue gab es erst am übernächsten Tag. Bei den Serien hat das genervt, ok, aber ansonsten war etwas vorbei und das war irgendwie aufgeräumt. Heute ist man nie fertig, das Internet liest und siehst du nicht zu Ende. Mich macht das häufig unaufgeräumt.
Das Erlebnis in Frankfurt hat mich erinnert, dass es – natürlich – auch anders geht, niemand zwingt mich, die ständig verfügbaren Serien zu schaun oder ewig durch Magazine, Blogs und Nachrichtenseiten zu scrollen. Ich kann den Laptop zuklappen und ein Buch aus dem Regal nehmen.
Erfüllbare Sehnsüchte – auch so könnte die Überschrift heißen.

Auf Krautreporter gibt es gerade viele Artikel zum Thema Lesen, unter anderem zum Unterschied zwischen digitalem und analogem Lesen, dieser Absatz ist bei mir hängen geblieben:
„Leseforscher Adriaan van der Weel betont außerdem, dass die Haptik analoger Medien nicht zu unterschätzen sei. Beim Lesen eines Buches blättern wir um, wenn wir eine Seite gelesen haben und wir merken, dass die Seiten rechts weniger werden. Wir haben das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Wir bleiben dran. Van der Weel bringt auch das Gewicht eines Buchs und seine Beschaffenheit mit der Leseerfahrung in Verbindung. Das Anfassen und sinnliche Wahrnehmen geben uns Kontrolle und Struktur, zum Beispiel wenn wir Seiten markieren, Eselsohren machen oder Notizen schreiben.“
Was geschafft, tadaaa, Erfolg. Und ich hab Kontrolle. Beides wünschenswert. Und so anders, als wenn ich mit müden Augen den x-ten Artikel oder Newsletter auf dem Rechner entziffere und dennoch weiß, das war längst nicht alles …
Auch wenn ich zuklappe, bleibt das Empfinden, dass mir die Kontrolle entgleitet, ich komm nicht hinterher, zig Tabs sind noch offen. Das Tempo zieht weiter an und ich muss mich auch noch um das eigene Drosseln kümmern, wenn ich überfordert bin, denn von allein wird alles nur schneller, nicht langsamer. Es eskaliert vor sich hin, wirbelt um mich und ich muss mich aktiv rausziehen, um meinen Fokus zu halten. Das kann ich dann als Erfolg verbuchen.
Apropos Fokus – zurück zu Frankfurt: Ich hätte gern diesen beeindruckenden Raum gezeigt, hab aber vor lauter Ergriffenheit keine Fotos gemacht, von diesem wundersamen alten Ort, mit Büchern angefüllt bis oben hin, auf wackeligen Stapeln, jedem freien Stück Tisch und natürlich in Bananenkisten. Was mich zu einer weiteren schwärmerischen Erinnerung führt.
Die Bananenkiste – Basisequipment jedes Antiquariats
Ich würde sagen, ich war als Kind eine normale Leserin, keine Bücherwürmin, genoss das Setting eines bürgerlichen Haushalts mit großem Bücherregal im Wohnzimmer und hatte einen Vater, der immer was von Thomas Mann oder Robert Musiol auf dem Nachttisch liegen hatte, der jeden Tag die SZ, an Wochenenden die Zeit und im Urlaub ausgiebigst Bücher gelesen hat.

Daher war es eher Zufall und sich bietende Gelegenheit, dass ich mit Mitte 20 beim besten Freund meines Bruders, einem Buchantiquar zu jobben begann. Meine Aufgabe war, bei der Buchhaltung und beim Versenden von Büchern zu helfen. Das war nicht nur sehr lustig und ein topp Arbeitsklima (immer mit variantenreicher musikalischer Begleitung), es war interessant, lehr- und abwechslungsreich (und von den Arbeitszeiten sehr viel komfortabler als meine Phase kurz davor als Briefzustellerin), und es hat mein gutes Verhältnis zu Büchern vertieft. Zudem habe ich die elementare Wichtigkeit von Bananenkisten kennengelernt – kein anderer Pappkarton hat in seiner Zweitverwendung eine derartige Bedeutung. Das Jagen derselben war eine selbstverständliche Nebenaufgabe, angesichts der nicht endenden (hoppla) Flut von Büchern auf sämtlichen Flurböden der Wohnung (auch dies kein Ladengeschäft), das Erspähen der Kartons bei Supermärkten blieb noch lange ein Reflex.
Leidenschaft und Handwerk
Als Buchantiquar musste man bereits in den 80ern enthusiastisch und visionär sein, beides war und ist Matthias, mit einem ausgeprägten Faible für Thomas Mann. Unter anderem für ihn wurde er auch zum Verleger, der „Tod in Venedig“ erhielt einen Einband aus Stoff eines venezianischen Webers (natürlich mit Löwen) sowie eigens angefertigte Illustrationen von Kurt Steinel, ein Vorwort von Wolfgang Koeppen, gedruckt auf handgesiebtem Bütten und gebunden mit Lederrücken und allen weiteren Schikanen von absoluten Buchbindernerds in der Schweiz. Es war ein Fest der Kunst und des Handwerks („aus der Centaur-Antiqua u. der Arrighi gesetzt u. auf Hahnemühle-Kupferdruckbütten gedruckt, wobei die Absätze der Erzählung durch blau gedruckte Alinea-Zeichen markiert wurden, ein symbolisierter Löwe, welchen Kurt Steinel für diese Ausgabe gezeichnet hat und den ich in großer Stückzahl habe in Blei gießen lassen. Der wertvolle Überzugsstoff wurde überwiegend in Handarbeit in Venedig hergestellt, als Motiv der venezianische Löwe, im Modeldruckverfahren in Goldbronze auf in Blautönen gefärbten Stoff gedruckt„) und der Unvernunft, denn nein, gerechnet hat sich das alles hinten und vorn nicht. Aber diese Freude am Gestalten von etwas Extraordinärem und Üppigem, als Einzelwerke, als etwas Limitiertes – das war der Wert der Sache. In mehrerlei Hinsicht. Und es prägte auch mich, kein Wunder, dass ich mir mal einen Teil des Lohns in einer Erstausgabe von Thomas Manns gesammelten Werken auszahlen hab lassen. Und es erklärt meine sentimenten Zustände. 😉
Apropos limitiert – auch das ein Vorteil …
… letzter Gedanke hierzu: Verschriftlichung versus Gequatsche. Das Erstellen eines gedruckten Textes, das Feilen am Wort, das Aushandeln von Sätzen mit der Lektor:in, der Gegensatz zum flüchtigen Wort, nicht in den Wind gesprochen, sondern (ehedem in Stein gemeißelt) mit Verantwortung und im Wissen, dass es lange währen muss.

Im August war ich wieder bei der Utopiekonferenz in der Leuphanauniversität in Lüneburg und so gut ich diese Veranstaltung finde (siehe hier), so sehr empfand ich es diesmal als eine 3-tägige Ansammlung von Gesagtem und Gemeintem, mit zu viel „also ich denke“ am Satzanfang. Panels, Interviews, Talks … überall wurde gefragt und geantwortet, gesprochen und verkündet – und 80% der befragten Gäste hatten auch ein Buch vorzulegen – doch auch das förderte leider eher vorgefertigte Aussagen und nicht den Dialog. Ich höre gern schlauen Leuten zu, finde spannend, wenn Expert:innen im Moment aufeinander reagieren und das fand auch statt, aber es war doch flüchtig. Und mündete in keine konkrete Erkenntnis. Vor 2 Jahren hatte ich noch das Gefühl, etwas zu lernen, auch wenn kein Manifest am Schluss entsteht oder ein offener Brief an Politik und Gesellschaft mit Lösungen und nächsten Schritten. Aber – es ist banal – hin und wieder eine Keynote, eine Präsentation mit Inhalt auf Folien, auf den sich jemand festgelegt hat, etwas erforscht hat, mit einem Ergebnis, das über den Tag hinaus Bestand hat.
Und doch war es bereichernd, nicht nur, weil ich mir dort ein Buch gekauft habe, das ich gerade genüsslich vor dem Einschlafen lese, sondern weil neben all den Inhalten das schiere Zusammensein von an Ähnlichem interessierten Menschen ein angenehmer Zustand ist. Das bringt mich zum Abschluss dieser digital-analog-mäandernden Betrachtung:
Inseln der Kohärenz
Im Newsletter der Pioneers of Change hatte ich von solchen Inseln gelesen und fand es ein wunderbares Bild, wie man da so drin und drauf herumschaukeln kann. „Kohärenz“ wird in verschiedenen Zusammenhängen (Linguistik, Physik, Metallurgie, Psychologie, Radartechnik, Mathematik) als Begriff genutzt, hier meint es das Zwischenmenschliche, das Synchronisieren und Koppeln von Schwingung, das aneinander Anpassen, miteinander in Resonanz gehen, in Verbundenheit.
Verbundenheit entsteht nicht nebenbei, sie braucht Zeit und Gelegenheiten, an denen sie wachsen kann. Der Nobelpreisträger Ilya Prigogine hat den Begriff „Inseln der Kohärenz“ geprägt, diese Bereiche von Zusammenspiel und Stimmigkeit . Sie sind ein wertvolles Gut, weil sie Systeme, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, in eine neue Ordnung tragen können.

Ich hab auf unserer Sommerreise verschiedene solcher Inseln betreten dürfen, mal in Verbunden- und Stimmigkeit auf Zeit, wenn sich unterschiedliche Interessen und Menschen aufeinander eingelassen und eingeschwungen haben, alle im Denken, Fühlen und Handeln zusammengerückt sind. Mal wurde bereits bekanntes Terrain weiter erforscht, mal wurde Neuland erkundet, mal munter weitergeschippert, manchmal schaukelten einfach 2-3 Inseln parallel durchs Menschenmeer. Ob so oder so oder so: Inseln verändern die Strömung.
Auch das Antiquariat ist so eine Insel.

